Baedeker Indien 1914 - Detail Deckel

100 Jahre Indien-Baedeker

Mit der Erfin­dung der Dampf­ma­schi­ne wur­de im aus­ge­hen­den 18. Jahr­hun­dert die Grund­la­ge für die Ent­wick­lung von Mas­sen­trans­port­mit­teln gelegt: Dampf­schif­fe und Eisen­bahn eröff­ne­ten die Ära des Tou­ris­mus, und zwar genau in den Jah­ren, in denen ein jun­ger Mann in Koblenz ein beschei­de­nes Ver­lags­haus grün­de­te. 

Karl Baede­ker, im Jah­re 1801 als Sohn einer Buch­dru­cker- und Ver­le­ger­fa­mi­lie in Essen gebo­ren, heg­te selbst eine Pas­si­on für das Rei­sen. Er lern­te Buch­händ­ler, stu­dier­te Geis­tes­wis­sen­schaf­ten in Hei­del­berg und eröff­ne­te 1827 in Koblenz eine eige­ne Buch­hand­lung. 1832 über­nimmt er den Ver­lag von Fried­rich Röh­ling und fin­det im Bestand auch den 1828 erschie­ne­nen Band Rhein­rei­se von Mainz bis Cöln. Hand­buch für Schnell­rei­sen­de“ des His­to­ri­kers J.A. Klein. Nach dem Tod Kleins über­ar­bei­tet Baede­ker das Rei­se­hand­buch grund­le­gend, sodass des­sen drit­te Auf­la­ge von 1835 als ers­ter ech­ter Baede­ker gel­ten kann und die lan­ge Tra­di­ti­on der Baede­ker-Rei­se­füh­rer begrün­det.

Der Baede­ker“ gilt als Inbe­griff aller Rei­se­füh­rer. Seit Karl Baede­ker 1827 sei­nen Ver­lag grün­de­te, setz­ten sei­ne kom­pak­ten Rei­se­füh­rer mit dem roten Ein­band , dem mar­mo­rier­ten Schnitt und der leuch­ten­den Titel­ver­gol­dung über Genera­tio­nen die Maß­stä­be. Anti­qua­ri­sche Exem­pla­re sind heu­te biblio­phi­le Kost­bar­kei­ten – und ein inter­es­san­tes Sam­mel­ge­biet. Die biblio­phi­len Wer­ke sind heu­te bei anspruchs­vol­len Rei­sen­den und moder­nen Ent­de­ckern immer noch sehr begehrt.

Neben der drit­ten Auf­la­ge der Rhein­rei­se“ erschie­nen bald die Bän­de Bel­gi­en“, Hol­land“ und 1842 Deutsch­land und der Öster­rei­chi­sche Kai­ser­staat“. 1844 erschien der  Rei­se­füh­rer Schweiz“. Zwei Jah­re spä­ter folg­ten mit der drit­ten Auf­la­ge von Deutsch­land und der Oes­ter­rei­chi­sche Kai­ser­staat“ der typi­sche rote Ein­band mit Gold­prä­gung und Baede­ker führ­te die Kate­go­ri­sie­rung der Sehens­wür­dig­kei­ten mit maxi­mal zwei Ster­nen nach ihrem Schau­wert ein – eine unver­än­dert geblie­be­ne Bewer­tungs­ska­la. 1855 ver­öf­fent­lich­te Karl Baede­ker einen wei­te­ren wich­ti­gen Titel: Paris und Umge­bung“. Nach sei­nem Tod 1859 über­nah­men die Söh­ne Ernst und Karl jr. den Ver­lag. Bei­de ver­star­ben früh und so lag es am drit­ten Sohn, Fritz Baede­ker, den Ver­lag fort­zu­füh­ren – und das gelang ihm mit gro­ßem Erfolg! 1872 sie­del­te das Ver­lags­haus nach Leip­zig um und bear­bei­te­te den wach­sen­den Rei­se­markt sys­te­ma­tisch: 1875 erscheint hier der ers­te außer­eu­ro­päi­sche Band Paläs­ti­na und Syri­en“. 1893 erscheint Nord­ame­ri­ka“ – zuerst in eng­li­scher Spra­che. Unter Fritz Baede­kers Lei­tung, die bis 1925 andau­ert, ent­ste­hen zahl­rei­che Bän­de, die heu­te begehr­te Samm­ler­ob­jek­te sind, wie etwa der ers­te Gesamt­band Ägyp­ten“ von 1897. Dar­in schlüs­selt die Ver­pfle­gungs­lis­te für eine Nil­rei­se detail­liert auf, was drei Per­so­nen an Lebens­mit­teln für zwei Mona­te benö­ti­gen – dar­un­ter 166 Fla­schen Wein. Für die Bestei­gung der Che­ops­py­ra­mi­de emp­fiehlt er die schie­ben­de und zie­hen­de Unter­stüt­zung von zwei ange­mie­te­ten Bedui­nen: Man neh­me ihre Hil­fe ganz ordent­lich in Anspruch, las­se sich aber durch ihr Geschrei nicht irre machen: Iskut wal­lâ mâfiîsch bak­schîsch heißt schweig oder du erhältst kein Trink­geld“. Schwe­den und Nor­we­gen“ erschien erst­mals 1879, vier Jah­re spä­ter folg­te der Band Russ­land“, der eng­lisch­spra­chi­ge Band Cana­da“ im Jah­re 1894. Spa­ni­en und Por­tu­gal“ kam erst 1897 her­aus und der Titel Mit­tel­meer“ sogar erst 1909.

Baedekers Indien“ 1914

Mit der Ver­öf­fent­li­chung des Ban­des Indi­en“ war im Jahr 1914 ein wei­te­res, aber auch letz­tes Fern­rei­se­ziel der klas­si­schen Baede­ker-Zeit in aus­führ­li­cher Bear­bei­tung vor­ge­legt wor­den. Neben Indi­en wur­den auch die dama­li­gen Län­der bzw. Gebie­te Cey­lon, Vor­der­in­di­en, Bir­ma, die Malay­ische Halb­in­sel, Siam und Java behan­delt. Der ursprüng­li­che Plan der Ein­be­zie­hung auch Ost­asi­ens wur­de jedoch aus Grün­den des Umfangs wie­der auf­ge­ge­ben. Der nur deutsch­spra­chig erschie­ne­ne Titel kam auf ers­te Anre­gung des Direk­tors des Nord­deut­schen Lloyds, Hein­rich Wie­gand, zustan­de. Das Manu­skript wur­de von dem For­schungs­rei­sen­den Georg Wege­ner erar­bei­tet. Den eth­no­gra­fi­schen und kunst­ge­schicht­li­chen Ein­füh­rungs­text ver­fass­te der bekann­te Indo­lo­ge und Tübin­ger Ordi­na­ri­us Richard Gar­be, die prak­ti­schen Rat­schlä­ge steu­er­te A. Fal­ler bei. Bei der Erschlie­ßung der Vor­der­in­di­schen Alter­tü­mer­samm­lung stand der Archaeo­lo­gi­cal Sur­vey of India zur Sei­te. Baede­kers Indi­en war ein Höhe­punkt der geho­be­nen Rei­se­füh­rer­li­te­ra­tur. Mit die­sem Band konn­te der Ver­lag zur Kon­kur­renz­rei­he Mey­ers Rei­se­bü­cher auf­schlie­ßen, in der bereits 1907 ein ein­bän­di­ger Welt­rei­se­füh­rer vor­lag, der 1912 über­ar­bei­tet in 2. Auf­la­ge – nun­mehr schon auf zwei Bän­de ange­wach­sen – erschie­nen war und auch Indi­en und sogar Ost­asi­en mit abdeck­te. Kar­ten und Plä­ne aus dem Baede­ker Indi­en, 1914

Das Erfolgs­re­zept, das Karl Baede­ker von der eng­li­schen und deut­schen Kon­kur­renz sei­ner Zeit abhob, war die Infor­ma­ti­on aus eige­ner Anschau­ung. Beschei­den geklei­det und mit nicht mehr als einer ver­schlis­se­nen Rei­se­ta­sche im Gepäck, durch­wan­der­te Baede­ker immer wie­der das Rhein­tal bis in die Schweiz und in die ande­re Rich­tung bis in die Nie­der­lan­de. Durch sei­ne vie­len Fra­gen soll er sich gele­gent­lich sogar bei der ört­li­chen Poli­zei ver­däch­tig gemacht haben. Er woll­te sei­nen Kun­den akri­bisch recher­chier­te Infor­ma­tio­nen aus ers­ter Hand lie­fern: über die ört­li­chen Merk­wür­dig­kei­ten“, die Qua­li­tät von Restau­rants und Gast­hö­fen sowie loka­les Brauch­tum. So küm­mer­te sich der Baede­ker buch­stäb­lich um alles: wie der Kof­fer zu packen und wie­viel Trink­geld zu geben sei, wie man sich wo zu klei­den und zu beneh­men habe. Kurz: Das erst all­mäh­lich mobil wer­den­de Groß­bür­ger­tum des 19. Jahr­hun­derts lern­te erst durch Baede­ker das rich­ti­ge Rei­sen – übri­gens sehr zum Leid­we­sen vie­ler ört­li­cher Frem­den­füh­rer. In Basel, so wird berich­tet, mar­schier­te ein Lohn­kut­scher wütend in die Poli­zei­wa­che, um die Auf­ga­be sei­nes Berufs mit den Wor­ten anzu­zei­gen: Man wird ja sei­nes Lebens nicht mehr froh, seit die ver­fluch­ten Bücher da sind!“ Baede­ker war buch­stäb­lich ein Erb­sen­zäh­ler. Beim Bestei­gen des Mai­län­der Doms ertapp­te ihn der west­fä­li­sche Frei­herr Gis­bert von Vincke 1847 bei einer kau­zi­gen Tätig­keit: Alle 20 Stu­fen blieb er ste­hen und steck­te eine tro­cke­ne Erb­se von der Wes­ten- in die Hosen­ta­sche. Mit 20 mul­ti­pli­ziert, ergab die Zahl der Erb­sen plus Rest­stu­fen die prä­zi­se Anga­be für den spä­te­ren Rei­se­füh­rer. Beim Abstieg mach­te er die Gegen­pro­be.

Reiseempfehlungen für Ceylon und Indien vor 100 Jahren

Um Pra­xis­nä­he blie­ben Baede­ker-Bän­de stets bemüht. Indi­en-Rei­sen­de beka­men den Tipp, wer grö­ße­re Bequem­lich­keit wün­sche, möge doch neben einer Rei­se­apo­the­ke und ein wenig Opi­um“ auch ein voll­stän­di­ges Bett und ein eige­nes Wasch­be­cken mit­füh­ren. Damit“, heißt es in der Aus­ga­be von 1914 lapi­dar, ver­grö­ßert sich das Rei­se­ge­päck aller­dings sehr erheb­lich.“ Wer als Euro­pä­er vor 100 Jah­ren nach Cey­lon oder Indi­en reis­te, pack­te statt Ruck­sack den Schrank­kof­fer – und muss­te auch sonst an alles Mög­li­che und Unmög­li­che den­ken. Vor 100 Jah­ren war die Anrei­se nach Indi­en noch selbst ein Erleb­nis: von Euro­pa aus reis­te man mit dem Damp­fer durch den Suez­ka­nal, eine Fahrt, die rund drei Wochen dau­er­te. Wer sich solch eine Fern­rei­se leis­ten konn­te, hat­te sowie­so Zeit im Über­fluss. Abge­se­hen von der See­rei­se genü­gen für Cey­lon und Vor­der­in­di­en 2 ½ – 3 Mona­te, um die Fül­le der wun­der­ba­ren Ein­drü­cke, die Natur und Bewoh­ner bie­ten, in sich auf­zu­neh­men“, heißt es im Vor­wort des Indi­en-Baede­ker von 1914 groß­zü­gig. Was die Aus­stat­tung angeht, ist von prak­ti­scher Rei­se­klei­dung noch kei­ne Spur. Viel­mehr ist gro­ße Gar­de­ro­be ange­sagt: Wer Gesell­schaf­ten mit­ma­chen will, kann den Frack nicht ent­beh­ren. Der Geh­rock kommt nur für Emp­fän­ge beim Vize­kö­nig, den Gou­ver­neu­ren usw. in Fra­ge.“ Besu­che kann man im Anzug machen – nur nicht im wei­ßen, der ist dem Mili­tär vor­be­hal­ten und wird in der Eisen­bahn sowie­so zu schnell schmut­zig. Doch damit nicht genug: Tags­über wer­den beque­me Hem­den mit Dop­pel­kra­gen und geknüpf­tem Lang­schlips getra­gen, abends zum Din­ner-Jacket nur fei­ne wei­ße Hem­den und ein­fa­cher Steh­kra­gen mit schwar­zem Bin­der. Selbst vor Wäsche-Emp­feh­lun­gen schreckt der Baede­ker nicht zurück: Der Vor­rat an Unter­klei­dern muss für min­des­tens 3 Wochen rei­chen, ohne dass man zum Waschen aus­zu­ge­hen braucht“ – den Hän­den der ein­ge­bo­re­nen Wäscher sei nicht zu trau­en. Neben aus­rei­chend Hand- und Lei­nen­tü­chern sei unter kei­nen Umstän­den“ eine wol­le­ne Leib­bin­de zu ver­ges­sen, die man im Bett nötig hat.“ Wei­ter: Den unum­gäng­li­chen Tro­pen­hut (Sola Topi) kau­fe man ent­we­der in einem guten deut­schen Geschäft für Tro­pen­aus­rüs­tung (…) oder auf der Durch­rei­se in Port Said, wobei man die Unbe­quem­lich­keit der Mit­nah­me bis dort­hin ver­mei­det.“ In das Gepäck gehö­ren noch kräf­ti­ge brau­ne Schnür­stie­fel, Segel­tuch­schu­he für Cey­lon, Lack­halb­schu­he für den Gesell­schafts­an­zug, Filz- und Stroh­hü­te, Rei­se­müt­zen, Mor­gen­schu­he, ein Feld­ste­cher, ein Taschen­ther­mo­me­ther, ein Trink­be­cher aus Alu­mi­ni­um, ein Mes­ser mit Kor­ken­zie­her, eine elek­tri­sche Taschen­lam­pe, eine Bril­le mit far­bi­gen Glä­sern zum Schutz gegen die grel­le Son­ne, ein Taschen­kom­pass und natür­lich die Rei­se­apo­the­ke. Das wich­tigs­te Medi­ka­ment neben Chi­nin und Kali­um ist ohne­hin der Whis­ky, mit dem sich auch der fade Geschmack der indi­schen Soda­was­ser“ ver­bes­sern lässt. Whis­ky & Soda, mäßig genos­sen, kann wohl als das bekömm­lichs­te und bil­ligs­te Getränk bezeich­net wer­den und ist über­all zu haben.“ Eine Neu­be­ar­bei­tung wei­te­rer ver­gleich­ba­rer Fern­rei­se­zie­le – aus­ge­nom­men die Fol­ge­auf­la­gen des nur in eng­li­scher Spra­che erschie­ne­nen Ban­des für Kana­da (Cana­da, 1922, 4. Auf­la­ge) und des Ägypten–Bandes (1928, 8. Auf­la­ge) – soll­te es durch den Ver­lag danach für sehr lan­ge Zeit nicht mehr geben. Der Ers­te Welt­krieg dürf­te schon den Ver­kauf des Indi­en-Ban­des in nicht all­zu gro­ßem Umfang zuge­las­sen haben, und ange­sichts der wei­te­ren poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung in Deutsch­land nach 1918 war nur wenig Raum für die Rea­li­sie­rung von zeit- und kos­ten­in­ten­si­ven Fern­rei­sen für einen grö­ße­ren Bevöl­ke­rungs­teil vor­han­den. Dadurch konn­te es auch kei­nen gro­ßen Bedarf für ent­spre­chen­de Rei­se­füh­rer mehr geben.

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