Ein Alphabet mit 58 Buchstaben

Amma („A“ wie in alle“) bedeu­tet in der sin­gha­le­si­schen  und in der tami­li­schen Spra­che Mut­ter“. Es ist das ers­te Wort, das ein klei­nes sri­lan­ki­sches Kind sagen kann.

අ ist der ers­te Buch­sta­be im sin­gha­le­si­schen Alpha­bet. Es steht für das A“ in der deut­schen Spra­che. Genau­so wie der Klei­ne sei­ne Mut­ter අම්මා ( Amma – Mut­ter ) ruft, ist es auch beim Schrei­ben ler­nen das Wort, das das Kind als ers­tes ler­nen wird: අම්මා ( Amma – Mut­ter ), begin­nend mit dem Buch­sta­ben අ .

Sin­gha­le­sisch als Spra­che hat eine unge­fähr zwei­ein­halb Jahr­tau­sen­de alte Geschich­te. Seit 2.300 Jah­ren besteht eine kon­ti­nu­ier­li­che Auf­zeich­nung der Schrift.

Schon sehr früh ler­nen die Kin­der das Alpha­bet. Sobald ein Kind anfängt zu spre­chen, suchen die Eltern mit Hil­fe eines Astro­lo­gen eine güns­ti­ge Zeit, um das Kind die ers­ten Buch­sta­ben lesen zu las­sen. Das Horo­skop des Kin­des wird von einem Astro­lo­gen genau stu­diert, er stellt die not­wen­di­gen Berech­nun­gen an, um die güns­ti­ge Zeit zu ermit­teln. In Sri Lan­ka ist man all­ge­mein davon über­zeugt, dass es wich­tig sei, sich an die­se Tra­di­ti­on zu hal­ten, ande­ren­falls kön­ne das Kind spä­ter nicht gut ler­nen und erfolg­reich stu­die­ren.

Vor der Grün­dung von Schu­len wäh­rend der bri­ti­schen Kolo­ni­al­zeit im 19. Jahr­hun­dert war der bud­dhis­ti­sche Tem­pel im Dorf das Zen­trum des Ler­nens und der Bil­dung. Die bud­dhis­ti­schen Mön­che waren die ein­zi­gen Gebil­de­ten im Dorf und der Abt eines Tem­pels führ­te und lei­te­te das Dorf in allen Belan­ge. Als die gebil­dets­te Per­son was er am bes­ten  geeig­net, den Kleins­ten das Lesen und Schrei­ben der ers­ten Buch­sta­ben zu leh­ren.

An dem vor­aus­ge­sag­ten güns­ti­gen Tag gehen die Eltern zusam­men mit ihrem Kind in den Tem­pel. Dort wer­den Blu­men geop­fert und  bud­dhis­ti­sche Gesän­ge auf­ge­führt. Wenn sich der güns­ti­ge Zeit­punkt dann nähert, wer­den die Eltern und das Kind dem Mönch Betel­blät­ter anbie­ten. Der Mönch wählt dann ein Buch, aus dem das Kind die ers­ten Buch­sta­ben lesen wird. Dies alles ist oft ein sehr lang­wie­ri­ger Vor­gang, da das Kind häu­fig über­haupt nicht bereit und in der Lage ist, das Gewünsch­te zu lesen.

Der erste BuchstabeSobald die­se ers­te Lesung zu Ende ist, wird es Zeit, die ers­ten Buch­sta­ben des Alpha­bets zu schrei­ben. Dazu wird ein gro­ßes Tablett mit Sand gefüllt. Der sri­lan­ki­sche Autor Mar­tin Wick­ra­ma­sing­he ( 1890–1976 ) erin­nert sich an sei­ne Anfän­ge: Ich füh­le eine erwar­tungs­vol­le Unru­he, wenn ich in die Ver­gan­gen­heit zurück­schaue und mich dar­an erin­ne­re, wie mein Zei­ge­fin­ger mei­nen Mit­tel­fin­ger in das Sand­ta­blett drück­te… das Brett war schwarz lackiert und sei­ne Ober­flä­che mit einer dicken Lage Meer­sand gefüllt… Als mei­ne Fin­ger die sin­gha­le­si­schen Buch­sta­ben zeich­ne­ten, teil­te sich der wei­che Sand und zeig­te das schwar­ze Brett dar­un­ter, auf dem sich die Buch­sta­ben als schwar­ze Lini­en abzeich­ne­ten. Für jemand, der das aus eini­ger Ent­fer­nung sah,  erschie­nen sie wie mit Holz­koh­le geschrie­be­ne Buch­sta­ben auf einem wei­ßen Blatt Papier…  ( aus dem Roman : Lay Bare the Roots“) .

Sin­gha­le­sisch oder Sin­ha­la ist die Spra­che der Sin­gha­le­sen, der größ­ten eth­ni­schen Grup­pe Sri Lan­kas. Sin­gha­le­sisch gehört zum indo­ari­schen Zweig der indoira­ni­schen Unter­grup­pe der indo­ger­ma­ni­schen Spra­chen. Sin­gha­le­sisch wird von etwa 16 Mil­lio­nen Men­schen vor­wie­gend in Sri Lan­ka gespro­chen. Die am engs­ten mit dem Sin­ha­la ver­wand­te Spra­che ist das auf den Male­di­ven gespro­che­ne Dhi­vehi.

Es basiert auf einem Alpha­bet mit 58 Buch­sta­ben, was es zu einem der größ­ten Alpha­be­te der Welt macht. Nicht alle Buch­sta­ben sind aber im all­ge­mei­nen Gebrauch. Um zeit­ge­nös­si­sche sin­gha­le­si­sche Tex­te zu schrei­ben, rei­chen 38 Buch­sta­ben aus. Davon sind 12 Voka­le und 26 Kon­so­nan­ten. Bei der Ver­wen­dung der Voka­le gibt es eine wei­te­re Unter­tei­lung: Vokal-Buch­sta­ben und Vokal-Zei­chen. Wäh­rend ers­te­re ver­wen­det wer­den, um Vokal-Klän­ge, die am Anfang eines Wor­tes auf­tre­ten, zu schrei­ben, wer­den letz­te­re ver­wen­det, wenn Vokal-Klän­ge an einer ande­ren Stel­le im Wort, nach einem Kon­so­nan­ten-Klang auf­tre­ten.

Schau­en wir uns die Voka­le im sin­gha­le­si­schen Alpha­bet an: von den 12 Vokal­buch­sta­ben hat අ ( a) vier Varia­tio­nen : අ (aus­ge­spro­chen wie in Affe“ ) ආ (lan­ges a“, aus­ge­spro­chen wie in Avo­ka­do“ ) , ඇ (kur­zes ä“ wie in Äff­chen“) und ඈ (wie in Ähre“). Die ande­ren Voka­le sind ඉ (kur­zes i“ wie in Indi­en“ ) , ඊ (wie in Ire“) , උ ( kur­zes u“ wie in und“) , ඌ (lan­ges u“ wie in Urwald“), එ (kur­zes e“ wie in Ende“) , ඒ (lan­ges e“ wie in Ele­fant“) , ඔ ( wie in oft“) und ඕ ( wie in ohne“) .

In der fol­gen­den Tabel­le sind die Voka­le und ihre Aus­spra­che gemäß IPA (Inter­na­tio­na­les Pho­ne­ti­sches Alpha­bet) dar­ge­stellt:

a / ā i / ī u / ū e / ē o / ō ä / ǟ
IPA IPA IPA IPA IPA IPA
kurz [ə] [i] [u] [e] [o] [æ]
lang [a:] [i:] [u:] [e:] [o:] [æ:]

Auf der nächs­ten Sei­te beschäf­ti­ge ich mich mit den Kon­so­nan­ten…

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