Sehnsucht – noch mehr!

Sehn­sucht (mit­tel­hoch­deutsch sen­s­uht“, als krank­heit des schmerz­li­chen ver­lan­gens“) ist ein inni­ges Ver­lan­gen nach einer Per­son, einer Sache, einem Zustand oder einer Zeit­span­ne, die/den man liebt oder begehrt. Sie ist mit dem schmerz­haf­ten Gefühl ver­bun­den, den Gegen­stand der Sehn­sucht nicht errei­chen zu kön­nen.

Was liegt in die­sem wun­der­ba­ren Film (so ziem­lich) im Zen­trum?

… jene fer­ne Insel am Ran­de der Welt,
die nie­mals Hei­mat wer­den kann:
Je näher man sie ken­nen­lernt, des­to frem­der wird sie;
je wei­ter man von ihr ent­fernt ist, des­to ver­trau­ter erscheint sie.“

 

Jeder Mensch kennt das bit­ter­süs­se Gefühl der Sehn­sucht. Sehn­sucht ist ein Zie­hen in der Brust, es schmerzt, aber Sehn­sucht ist auch ein schö­nes Schwel­gen in den Vor­stel­lun­gen von dem gros­sen Glück.

Erstaun­li­cher­wei­se hat die Psy­cho­lo­gie die­ses kom­ple­xe Phä­no­men bis­her weit­ge­hend aus­ge­spart. Eine Grup­pe um den ver­stor­be­nen Paul B. Bal­tes, ehe­mals Direk­tor des Max-Planck-Insti­tuts für Bil­dungs­for­schung in Ber­lin, hat sich der theo­re­ti­schen und empi­ri­schen Erfor­schung von Sehn­sucht in den ver­gan­ge­nen Jah­ren gewid­met. Was also ist Sehn­sucht? War­um seh­nen sich Men­schen? Hat Sehn­sucht eine Funk­ti­on? Ver­än­dert sich Sehn­sucht über die Lebens­span­ne?

Was ist Sehnsucht?

In ihrem Modell der Sehn­sucht unter­schei­det die For­scher­grup­pe sechs wich­ti­ge Merk­ma­le, die sie in umfang­rei­chen Stu­di­en mit meh­re­ren Hun­dert Erwach­se­nen aus unter­schied­li­chen Arbeits- und fami­liä­ren Kon­tex­ten mit­hil­fe von Fra­ge­bö­gen bestä­ti­gen konn­ten. Die­se 6 Merk­ma­le sind:

  • Uner­reich­bar­keit einer per­sön­li­chen Uto­pie
    Sehn­sucht ist die Vor­stel­lung davon, was das per­fek­te Leben“ wäre. Das ist zwar nie erreich­bar, aber jeder Mensch hat eine ganz per­sön­li­che Vor­stel­lung davon, wie die­ses per­fek­te Leben“ aus­se­hen wür­de.  Für den einen ist dies das Zusam­men­le­ben mit einem Part­ner in unzer­stör­ba­rer Har­mo­nie, für den ande­ren ein Leben in voll­kom­me­ner Unab­hän­gig­keit und Auto­no­mie.
  • Unvoll­kom­men­heit und Unfer­tig­keit des eige­nen Lebens
    Zum Bei­spiel: Ich weiss, dass ohne die gros­se Lie­be, nach der ich mich seh­ne, mein Leben nie ganz voll­kom­men ist.
  • Drei­zei­tig­keits­fo­kus
    Sehn­sucht ist immer auf die Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und die Zukunft aus­ge­rich­tet. So zum Bei­spiel ein Vater, der sich nach sei­nem ver­stor­be­nen Sohn sehnt, der ihm in sei­nem gegen­wär­ti­gen Leben fehlt und der sich nichts mehr wünscht, als dass die Zeit mit sei­nem Sohn wie­der­keh­ren wer­de.
  • Bit­ter­süs­se Gefüh­le
    Süss sind die Phan­ta­si­en vom Ersehn­ten, von dem, was das Leben per­fekt machen wür­de. Bit­ter ist das Wis­sen dar­um, dass es sich dabei um etwas Uner­reich­ba­res han­delt.
  • Rück­schau und Lebens­be­wer­tung
    Sehn­sucht dient auch zur Bewer­tung des eige­nen Lebens. Bin ich auf dem rich­ti­gen Weg? Was fehlt in mei­nem Leben? Wohin soll es gehen?
  • Sym­bol­cha­rak­ter
    Meist ste­hen Sehn­süch­te für etwas ande­res.  Man sehnt sich nach einem schnel­len Sport­flit­zer, der für Unab­hän­gig­keit, Frei­heit und Unbe­schwert­heit steht.

Warum sehnen sich Menschen, hat Sehnsucht eine Funktion?

Sehn­sucht hat nach der For­schung der Grup­pe um Bal­tes zwei mög­li­che Funk­tio­nen. Zum einen kann Sehn­sucht dabei hel­fen, mit der eige­nen Unfer­tig­keit, Ver­lus­ten und dem nicht-per­fek­ten Leben umzu­ge­hen. In der Sehn­sucht kann man das per­fek­te Leben eben doch für eine gewis­se Wei­le haben. Zum ande­ren kann Sehn­sucht dem Leben eine Rich­tung geben. Sie kann einem dabei hel­fen, sich Zie­le in den Lebens­be­rei­chen zu set­zen, die einem beson­ders wich­tig sind – eben in den Lebens­be­rei­chen der Sehn­süch­te. Sehn­süch­te selbst sind zu abs­trakt, um Hand­lun­gen zu lei­ten. Hier­für ist es aller­dings wich­tig, so die Ergeb­nis­se der For­schung, dass man das Gefühl hat, sei­ne Sehn­suchts­ge­füh­le kon­trol­lie­ren zu kön­nen und sich ihnen nicht aus­ge­lie­fert zu füh­len. Sonst kann Sehn­sucht sogar zu Melan­cho­lie füh­ren.

Verändert sich die Sehnsucht über die Lebensspanne?

Die zen­tra­len Merk­ma­le von Sehn­sucht sind über das gesam­te Erwach­se­nen­al­ter vor­han­den. Aller­dings ver­än­dern sich die Inhal­te der Sehn­süch­te: Jün­ge­re Erwach­se­ne ten­die­ren eher zu Sehn­süch­ten in Bezug auf den Beruf, mit­tel­al­te Erwach­se­ne hin­sicht­lich der Part­ner­schaft und älte­re Erwach­se­ne im Bereich der Selbst- und Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung. Aus­ser­dem sind die Sehn­süch­te von älte­ren Erwach­se­nen ins­ge­samt posi­ti­ver getönt, wäh­rend bei jun­gen Erwach­se­nen die nega­ti­ven Gefüh­le vor­herr­schen. Dies, so die For­scher, könn­te ein Hin­weis dar­auf sein, dass älte­re Erwach­se­ne ihr Leben mit­hil­fe von Sehn­sucht bes­ser zu meis­tern gelernt haben als jün­ge­re Erwach­se­ne.

Frei nach: Schei­be, S., Freund, A. M., & Bal­tes, P. B. (2007). Toward a deve­lop­men­tal psy­cho­lo­gy of Sehn­sucht (life lon­gings): The opti­mal (uto­pi­an) life. Deve­lop­men­tal Psy­cho­lo­gy, 43, 778–795.

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