Buddha unter dem Bodhi-Baum

In den Berich­ten des Bud­dha über sei­ne Erleuch­tung ist mit kei­nem Wort davon die Rede, dass ihm die Erkennt­nis unter einem Baum gekom­men sei. Eini­ge Bud­dhis­mus-For­scher hal­ten daher den Baum als Ort der Bodhi für unge­schicht­lich und mut­ma­ßen, dass vor­bud­dhis­ti­sche Baum­kul­te in den Bud­dhis­mus Ein­gang gefun­den hät­ten.

Ficus religiosa - Bo-Baum
Die typi­schen Blät­ter des Ficus reli­gio­sa

Aber ist es nicht völ­lig natür­lich, dass sich ein woh­nungs­lo­ser“ Bet­tel­mönch unter einem Baum nie­der­lässt, der ihn nachts vor der Feuch­tig­keit und tags vor der Son­ne schützt? Dass Sid­dhar­tha sei­ne zur Erleuch­tung füh­ren­den Betrach­tun­gen am Fuß eines Bau­mes anstell­te, muss man als selbst­ver­ständ­lich anse­hen, und dass er die­sen Baum, der zufäl­lig eine Pap­pel-Fei­ge (Ficus reli­gio­sa), auch Pepul-, Pepal-, Pipul- oder Pee­pal­baum, in Indi­en auch Aswat­tha- oder Pip­pa­la-Baum genannt, war, an sei­nen herz­för­mi­gen Blät­tern mit der lan­gen, seit­lich abge­bo­ge­nen Spit­ze als sol­chen Bo-Baum erkann­te und dies, zum Bud­dha gewor­den, vor sei­nen Mön­chen bei­läu­fig erwähn­te, hat so hohe Wahr­schein­lich­keit, dass man es getrost als his­to­risch anse­hen darf. Der Bodhi-Baum hin­ter dem aus dem 1. Jh. n. Chr. stam­men­den, 51 m hohen Maha­bo­dhi-Tem­pel von Bodh Gaya, dem eins­ti­gen Uru­ve­la, wird täg­lich von eini­gen Dut­zend Pil­gern besucht. Nur sehr Gut­gläu­bi­ge hal­ten aber für wahr, dass es sich noch um den ori­gi­na­len Aswat­tha han­delt, unter dem Sid­dhar­tha Gaut­a­ma vor 2.500 Jah­ren sein Erleuch­tungs­er­leb­nis hat­te. Es ist beweis­bar, dass der Baum im Lau­fe der Zeit mehr­fach ersetzt wur­de, aller­dings stets durch Abkömm­lin­ge des Urbau­mes, sodass der heu­ti­ge Baum mit dem ursprüng­li­chen Bo-Baum in direk­ter Linie ver­wandt ist.

Unter beson­de­ren Schutz nahm den Bo-Baum der bud­dhis­ti­sche Kai­ser Aso­ka, der Indi­en von 265 bis 232 v. Chr. regier­te. Er ließ nicht nur um den Baum einen (nicht erhal­te­nen) Stein­zaun zie­hen und den hei­li­gen Ort durch eine von einem Ele­fan­ten­ka­pi­tell gekrön­te (heu­te eben­falls ver­schwun­de­ne) Edikt­säu­le mar­kie­ren, er sorg­te auch dafür, dass der (um 242 v. Chr.) zum Bud­dhis­mus über­ge­tre­te­ne König Deva­n­am­pi­ya­tis­sa von Cey­lon (Lan­ka) einen Able­ger des Bodhi-Bau­mes für sei­ne Haupt­stadt Anu­radha­pura erhielt. Der dort aus die­sem Steck­ling erwach­se­ne Baum sowie des­sen Nach­fol­ger haben wie­der­holt die Able­ger oder Samen gelie­fert, um den indi­schen Bodhi-Baum nach Zer­stö­run­gen zu erset­zen. Die Ver­nich­tung des Bodhi-Urbau­mes von Bodh-Gaya soll Tis­sarakkha, die schö­ne Zweit­gat­tin Aso­kas ver­ur­sacht haben, die der Kai­ser vier Jah­re vor sei­nem Tod ehe­lich­te. Da Sei­ne Majes­tät dem Bodhi-Baum mehr Auf­merk­sam­keit schenk­te als sei­ner Gat­tin, so heißt es, stach sie den Baum, in wel­chem sie wohl eine Nym­phe ver­mu­te­te, aus Eifer­sucht mit einem Man­du-Dorn. Vom Dorn des Man­du glaubt man in Indi­en, er besit­ze die Fähig­keit, das Lebens­zen­trum von Pflan­zen abzu­tö­ten und sie zum Ver­dor­ren zu brin­gen. Offen­bar bezweckt der Bericht, für das Ein­ge­hen des Bau­mes gegen Ende der Regie­rungs­zeit Aso­kas eine Erklä­rung zu lie­fern. Die Zer­stö­rung des mitt­ler­wei­le ersetz­ten Bodhi-Bau­mes aus reli­giö­sen Grün­den wird dem Gau­da- (Ben­ga­len-) König Sasan­ka ange­las­tet. Sasan­ka, ein fana­ti­scher Bud­dhis­ten­feind, berühr­te Bodh Gaya Anfang des 7. Jh. n. Chr. auf einem Feld­zug nach Kan­ya­kub­ja (Kanauj). Hass­erfüllt ließ er, so berich­tet Hsüan-tsang, den hei­li­gen Baum fäl­len, und um die Ver­nich­tung kom­plett zu machen, sei­ne Wur­zeln aus­gra­ben und ver­bren­nen. Den Ersatz­baum pflanz­te Pur­na­var­man, Aso­kas letz­ter Nach­fol­ger auf dem Thron von Magadha.

Der Bo-Baum von Bodh Gaya wur­de 1876 durch einen Sturm ent­wur­zelt. Ob es sich dabei noch um Pur­na­var­mans Baum oder bereits wie­der um einen Ersatz­baum han­del­te, lässt sich nicht fest­stel­len. Die Anga­ben über den heu­te bei Bodh Gaya wach­sen­den Bo-Baum sind wider­sprüch­lich. Eini­ge Gewährs­leu­te teil­ten mit, man habe ihn aus einem Steck­ling des Bau­mes von Anu­radha­pura gezo­gen; ande­re mei­nen, er sei aus den Wur­zeln des vom Sturm gestürz­ten Vor­gän­ger­bau­mes ent­stan­den. Wie es auch sein mag: der heu­ti­ge Bo-Baum ist allen­falls ein Enkel, wahr­schein­li­cher ein Ur- oder Ur-Uren­kel des ori­gi­na­len Aswat­tha-Bau­mes, unter dem der Sid­dhar­tha Gaut­a­ma in einer Nacht des Jah­res 528 v. Chr. zum Bud­dha wur­de.

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